onkologie

Ein Blutbild zur Entdeckung verborgener Tumorzellen durch freigesetzte DNA-Fragmente

Sonntag, 22. August 2021 ca. 5 Minuten lesen In lingua italiana

Die Équipe von Davide Rossi (IOSI und IOR) befasst sich in fortschrittlichen Studien mit der Flüssigbiopsien: Tests, die mit einer einfachen Blutabnahme eine «Typisierung» einiger, im Organismus vorkommender Tumorformen ermöglichen
von Elisa Buson

Jeder gute Ermittler, der einem gesuchten Verbrecher auf der Spur ist, muss auf der Suche nach Indizien und Hinweisen auf seine Präsenz mitunter auch mal im Müll wühlen. Eine Technik, die sich sogar auf der Jagd nach einem der meistgesuchten Übeltäter der Welt, dem Krebs, als entscheidend erweist. Das bestätigt eine gewissenhafte Untersuchung unter der Leitung des kantonweit angesehenen «Ermittlers im weissen Kittel» Davide Rossi, stellvertretender Chefarzt der Abteilung für Hämatologie am Onkologischen Institut der Italienischen Schweiz (IOSI) und Leiter des Programms für experimentelle Hämatologie am Onkologischen Forschungsinstitut (IOR) in Bellinzona, einer Zweigstelle der Università della Svizzera Italiana. Mit ihm ein Team aus Postdocs (junge Studenten, die bereits ihr wissenschaftliches Doktorat absolviert haben), Bioinformatikern, Labortechnikern und Medizinwissenschaftlern.
«Wonach wir suchen – so Rossi – ist genetisches Material, das von den Zellen mit dem Blut weggeschwemmt wird. Es handelt sich um ein Abfallprodukt, das bei der physiologischen Zellerneuerung entsteht, die bei Tumoren besonders beschleunigt vonstatten geht. Durch eine einfache Blutentnahme können wir also die von den kranken Zellen stammende DNA von der der gesunden Zellen unterscheiden: Es handelt sich um das Prinzip der sogenannten Flüssigbiopsie, mit der wir sozusagen den digitalen Fingerabdruck des Tumors nachweisen können». Die in chronologischer Reihenfolge jüngste, von Rossi verfasste Studie ist Ende Juli im British Journal of Haematology erschienen.

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Die Technik der Flüssigbiopsie (einfach zu entnehmen, aber extrem kompliziert in der Auswertung) wird bereits seit Jahren gegen Leukämie eingesetzt, «aber die jüngsten technologischen Entwicklungen – so der Hämatologe - haben ihre Anwendung auch bei einigen Arten solider Tumoren möglich gemacht: ein bedeutender Fortschritt, zumal auch in diesen Fällen die klassische Biopsie nicht immer die Entnahme von ausreichend Zellmaterial für eine aussagekräftige Diagnose zulässt». Die in keiner Weise invasive Flüssigbiopsie kann also für die Identifizierung der Details der Krankheit zu einem zusätzlichen Tool werden, aber damit nicht genug: Man kann sie auch zur Untersuchung des Molekularprofils des Tumors verwenden und überwachen, wie er auf die Therapien anspricht. Diese Nutzung ist bei soliden Tumoren wie beispielsweise Lungenkrebs mittlerweile bereits konsolidiert. Bei anderen Tumorarten hingegen, wie z.B. bei den Lymphomen des Lymphsystems, «ist die Nutzung der Flüssigbiopsie noch experimentell: Wir brauchen mehr Daten, um den Nutzen für den Patienten zu bestätigen» - betont Rossi. Derzeit arbeitet sein Team an drei internationalen klinischen Studien, die in diese Richtung gehen.

Am weitesten vorangeschritten ist die zum Hodgkin-Lymphom, «ein häufig vorkommender, aggressiver Tumor, der in 80-90% der Fälle geheilt werden kann: Die derzeit vorhandenen Therapien sind wirkungsvoll und deshalb – so Rossi - lautet das Ziel jetzt, ihre kurz- und langfristige Toxizität zu reduzieren». In diesem Fall könnte sich die Flüssigbiopsie zur Verbesserung der Genauigkeit der PET (Positronen-Emissions-Tomographie) als hilfreich erweisen, die in der Regel nach den ersten beiden Chemotherapie-Zyklen vorgenommen wird, um den weiteren Therapieverlauf festzulegen. «Die Nützlichkeit dieses Protokolls - so Rossi weiter - wird an 135 Patienten im Rahmen eines internationalen Netzwerks untersucht, das aus der Kooperation zwischen einem polnischen Institut und drei italienischen Instituten (Humanitas in Mailand, Krankenhaus Novara und Polyklinik Gemelli in Rom) entstanden ist: Wir erwarten die ersten Ergebnisse bis Ende des Jahres».

In zwei bis drei Jahren werden die Ergebnisse der ersten weltweiten Studie zur Bewertung der Flüssigbiopsie als Wegweiser für die Ausrichtung der Therapie gegen das diffus grosszellige B-Zell-Lymphom, den häufigsten Nebentyp den Non-Hodgkin-Lymphoms, vorliegen. «Gegen diese besonders aggressive Krankheit ist ein frühzeitiges Vorgehen entscheidend - betont Rossi. - Wir möchten deshalb die Integration der herkömmlichen Gewebebiopsie mit der Flüssigbiopsie untersuchen, um von Anfang an erkennen zu können, ob neben der Chemotherapie auch die Gabe eines Arzneimittels (ein Hemmer) der neuen Generation namens Acalabrutinib angezeigt ist». Die Studie wird 260 Patienten in der Schweiz einbinden und von der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft für Klinische Krebsforschung (SAKK), in Kooperation mit dem Krankenhaus Novara, der Polyklinik Gemelli in Rom und dem Krankenhaus Papa Giovanni XXIII in Bergamo, durchgeführt.

Die dritte und letzte Untersuchung sieht eine noch grössere, paneuropäische Zusammenarbeit vor. Es handelt sich um eine klinische «Rafting» Studie, bei der die Nutzung der Flüssigbiopsie zur Überwachung des Hodgkin-Lymphoms im Mittelpunkt steht. «Wir möchten herausfinden - erläutert Rossi - ob einige Patienten im Anfangsstadium die Strahlentherapie vermeiden können, der sie nach der Chemo normalerweise unterzogen werden, um alle möglichen Rückstände der Krankheit zu vernichten: Wir überwachen die Patienten praktisch ein Jahr lang und nehmen alle drei Monate eine Flüssigbiopsie vor, um etwaige Anzeichen für ein Wiederaufkeimen zeitnah zu erkennen. Die Studie mit 180 Patienten aus der Schweiz, Italien, Frankreich, Polen und Spanien hat bereits begonnen: Um einen einheitlichen Qualitätsstandard sicherzustellen, werden Blutproben hier in unseren Laboren in Bellinzona untersucht». Denn genau hier wurde das Flüssigbiopsie-Verfahren namens «Ly4.0» entwickelt, das bei all den genannten Untersuchungen angewandt wird. «Um es auf den Markt zu bringen und für den klinischen Gebrauch verfügbar zu machen, bräuchte es eine industrielle Investition - bemerkt Rossi. - Allerdings zählt das Patent nicht zu meinen Zielen: Ich hoffe, dass der Test «open source», also für Alle zugänglich, bleibt».

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