USI TRANSFER

Wie schwierig es ist,an der Universität entwickeltePatente zu schützen

Samstag, 2. Juli 2022 ca. 7 Minuten lesen In lingua italiana

Im Anschluss an die Eidgenössischen Technischen Hochschulen, die als erste in der Schweiz spezielle Einrichtungen für den Transfer von wissenschaftlichen Studienergebnissen an private Unternehmen geschaffen haben, hat auch die USI eine eigene Transferstelle ins Leben gerufen
von Elisa Buson

Jedes Mal, wenn Forschende in ihrem Labor einen Heureka-Moment erleben, glimmt für uns alle ein Hoffnungsfunke auf. Ihre Entdeckung könnte ein neues Medikament zur Bekämpfung schwerer Krankheiten oder etwa eine Software für intelligentere Smartphones hervorbringen, oder, wer weiss, sogar zur Entwicklung einer neuen Technologie für ein Leben auf dem Mond führen. Damit Entdeckungen in konkrete Innovationen zum Nutzen der Gesellschaft umgesetzt werden können, bedarf es jedoch einer Brücke zwischen der Welt der Forschung und den Unternehmen. Genau so eine Brücke hat die Università della Svizzera Italiana (USI) für sich und die ihr angegliederten Institute mithilfe der neuen strategischen Einheit USI Transfer aufgebaut, deren Hauptziel es ist, sicherzustellen, dass die Ergebnisse der Grundlagenforschung zugänglich sind und in die Unternehmenswelt transferiert werden.

«Hierbei handelt es sich um eine der drei wesentlichen Aufgaben der Universität: Neben der Ausbildung und der Spitzenforschung besteht auch die Notwendigkeit, die im Rahmen der Forschungstätigkeit erzielten Ergebnisse und erworbenen Kompetenzen beispielsweise in Form von Lizenzen oder Kooperationen mit der Industrie in die Gesellschaft zu transferieren», erklärt Andrea Foglia, Technology Transfer Manager an der USI. «Sich mit Technologie- und Wissenstransfer zu befassen bedeutet vor allem dreierlei: erstens, das im universitären Rahmen entwickelte geistige Eigentum zu schützen und wertzuschätzen, und zwar durch die Einreichung von Patentanmeldungen, durch das Urheberrecht an Computerprogrammen oder durch die Identifizierung von geschütztem Know-how, das entweder an bereits bestehende Unternehmen oder an neue unternehmerische Initiativen, die direkt von der Universität ausgehen (sogenannte „Spin-offs“), lizenziert werden kann. Zweitens bedeutet es, Forschenden bei der Aushandlung der Vertragsbedingungen im Hinblick auf eine mögliche Zusammenarbeit mit der Industrie zur Seite zu stehen und drittens, Spin-offs zu unterstützen – angefangen bei der ersten Lizenzierungsphase bis hin zur Inkubation.»

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Um diese enorme Herausforderung zu meistern, suchen viele Universitäten in Übersee nach Inspiration. In den Vereinigten Staaten widmete man sich bereits 1980 mit der Verabschiedung des Bayh-Dole-Gesetzes dem Thema Wissenstransfer. Dieses Gesetz ermöglichte es erstmals, die Ergebnisse der aus öffentlichen Mitteln finanzierten Forschung für kommerzielle Zwecke zu nutzen. Seitdem konnten Universitäten und Institutionen wie die US-Gesundheitsbehörde National Institutes of Health (NIH) und das US-Energieministerium Department of Energy (DOE) eigene Technologietransferstellen (Technology Transfer Offices, TTOs) einrichten.

«In der Schweiz waren die Technischen Hochschulen zu Beginn der 1990er Jahre die ersten, die eine Technologietransferstelle geschaffen haben», so Foglia. Er selbst beschloss nach der an der Universität Genf absolvierten Ausbildung in Molekularbiologie, sich an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) auf geistiges Eigentum zu spezialisieren. Nachdem er an der Technologietransferstelle der Universität Basel erste Erfahrungen gesammelt hatte, wechselte er in den polytechnischen Bereich, um an der Technologietransferstelle des Paul Scherrer Instituts, des grössten Schweizer Forschungszentrums im Bereich der Grossgeräte wie Teilchenbeschleuniger, Synchrotrone und Freie-Elektronen-Laser, zu arbeiten. «Jenseits des Gotthardpasses lernte ich jene Modelle kennen, die ich dann vor vier Jahren übernahm und umsetzte, als ich ins Tessin – wo ich geboren und aufgewachsen bin – zurückkehrte, um an der USI zu arbeiten.»

Die Universität hatte nämlich beschlossen, zur Verbesserung der für den Technologietransfer vorgesehenen Organisationsstruktur eine spezialisierte Fachkraft einzustellen. So kam es, dass 2018 eine eigene Technologietransferstelle (TTO) eingerichtet wurde, die von da an auf strukturierte Weise als Schnittstelle zwischen Universität und Industrie agierte. Die zunächst ausschliesslich für die USI und das Forschungsinstitut für Biomedizin (Istituto di Ricerca in Biomedicina, IRB) eingerichtete Transferstelle wurde später auf das Onkologische Forschungsinstitut (Istituto Oncologico di Ricerca, IOR) und, was die Patentförderung anbelangt, auch auf den Tessiner Spitalverbund Ente Ospedaliero Cantonale (EOC) ausgeweitet.

«Der erste Fall, mit dem ich mich befasste, betraf Professor Michael Bronstein, der am Institut für Wissenschaftliches Rechnen der USI eine auf künstlicher Intelligenz basierende Methode gegen die Verbreitung von Fake News im Internet entwickelt hatte», erinnert sich Foglia. Diese Erfindung (die aus der Zusammenarbeit mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne, der Universität Tel Aviv und der Nanyang Technological University in Singapur hervorging) führte 2018 zur Gründung des Spin-off-Unternehmens Fabula AI, das 2019 vom Social-Media-Giganten Twitter übernommen wurde. «Es war definitiv eine Erfolgsgeschichte, die sich für die Universität gelohnt hat», betont der Experte. Die Richtlinien der USI sehen im Einklang mit der Praxis der Schweizer Universitäten nämlich vor, dass die Erträge aus geistigem Eigentum jeweils zu einem Drittel an die Universität, die Forschungseinheit, welche die Entdeckung gemacht hat, und an die eigentlichen Erfinderinnen und Erfinder gehen.

Ein weiterer Qualitätssprung wurde 2021 mit der Einrichtung eines neuen Prorektorats für Innovation und Unternehmensbeziehungen unter der Leitung von Professor Luca Maria Gambardella, einem international anerkannten Experten für künstliche Intelligenz, vollzogen. Im Rahmen dieser Initiative wurde die strategische Einheit USI Transfer mit dem Ziel ins Leben gerufen, Unternehmen und Forschende sowohl im Hinblick auf die Zugänglichkeit von Hochschulkompetenzen als auch auf den Wissenstransfer Unterstützung zu bieten.

«Von 2018 bis heute haben wir ein starkes Wachstum verzeichnet: Im Laufe der Jahre hat sich unser Angebot erweitert, was zu einem exponentiellen Anstieg der Statistiken führte», bemerkt Foglia. Wenn man den Bericht der Swiss Technology Transfer Association (swiTT), der die USI angehört, durchblättert, ergibt sich eine eindeutig positive Bilanz: Innerhalb von vier Jahren wurden insgesamt 30 neue Patente entwickelt, 4 Spin-offs gegründet, 173 Forschungsverträge (die zu ebenso vielen Kooperationen mit Unternehmen führten) abgeschlossen und 16 Lizenzvereinbarungen (die Unternehmen das Nutzungsrecht an geistigem Eigentum wie Patenten oder urheberrechtlich geschützten Computerprogrammen der Universität einräumen) unterzeichnet.

Um diesen wachsenden Trend zu unterstützen, organisierte die Einheit USI Transfer im vergangenen April das erste vertrauliche Strategietreffen unter dem Titel „USI meets industry“ mit Führungskräften und Personalverantwortlichen von Unternehmen und Institutionen, die bereits mit der Universität zusammenarbeiten oder dies anstreben. «Zu diesem Anlass begaben sich die Vertreterinnen und Vertreter von mehr als vierzig Unternehmen an die Universität, um im Gespräch mit den Professorinnen und Professoren der verschiedenen Fakultäten nach Berührungspunkten zu suchen, die zu neuen Kooperationen führen könnten», erklärt Foglia. «Das Interesse der Unternehmen aus dem Tessin und darüber hinaus ist gross. Aus diesem Grund haben wir auch eine neue Website entwickelt, die es Unternehmen ermöglicht, mit nur einem Klick auf „send your request“ konkrete Anfragen an die Universität zu senden: Sobald wir eine Anfrage erhalten, leiten wir sie sofort an die zuständigen Ansprechpartner weiter.» Unser Hauptziel für die Zukunft besteht nämlich darin, unsere Beziehungen zu den Unternehmen zu stärken. «Die Anfangsphase war hauptsächlich durch unser reaktives Handeln auf Anfragen der Unternehmen gekennzeichnet, doch jetzt müssen wir uns bemühen, proaktiver zu sein bzw. von der „Pull-Strategie“ zur „Push-Strategie“ zu wechseln, wie man in unserem Umfeld zu sagen pflegt», so Foglia abschliessend.
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Auf dem Foto oben, von Alberto Chollet, eine Forscherin bei der Arbeit in einem Labor des der USI angegliederten Forschungsinstituts für Biomedizin (Istituto di Ricerca in Biomedicina, IRB) in Bellinzona

 

 

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