REHABILITATION

So hilft der Roboter beim Wiedererlangen der Bewegungen von Arm und Hand

Dienstag, 23. Juni 2020 ca. 5 Minuten lesen In lingua italiana
Graziano Ruggieri und Paolo Rossi
Graziano Ruggieri und Paolo Rossi

Versuch an der Clinica Hildebrand in Brissago in Kooperation mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Jetzt setzt man auf kleinere Geräte, die der Patient auch mit nach Hause nehmen kann
von Michela Perrone

Einer der heikelsten Aspekte für Schlaganfallpatienten ist die Rehabilitation. Der Moment, an dem der Patient nach dem Trauma wieder anfangen muss, Herr über seinen Körper zu werden. Alltägliche Handlungen wie die Nutzung von Besteck, sich anziehen, waschen, eine Mouse steuern werden zu Bewegungen, die neu gelernt werden müssen.

Auch in der Schweiz arbeiten die Rehakliniken mit Geräten fortschrittlicher Technologien, welche die Arbeit der Therapeuten ergänzen und unterstützen. Es handelt sich dabei um Geräte, die in der Lage sind, mit dem Patienten personalisiert zu interagieren und nicht einfach nur eine Bewegung wiederholen, sodass auch das Gehirn angeregt wird, um das Erlernte besser zu festigen.

«Von 2014 bis 2016 haben wir in Kooperation mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETH) eine Studie durchgeführt – erzählt Dr. Paolo Rossi, stellvertretender Chefarzt und Neurologe an der Clinica Hildebrand, einem Rehazentrum in Brissago am Lago Maggiore. – Wir haben insbesondere die Effizienz eines Robotergeräts für die Rehabilitation der oberen Extremität nach einer Lähmung infolge eines ischämischen und hämorrhagischen Schlaganfalls untersucht.»

Die Maschine, die in der Lage ist, den Grad der Interaktion mit dem Patienten basierend auf seiner funktionalen Kapazität zu kalibrieren, wurde von einem fachübergreifenden Team aus Ingenieuren. Neurologen und Reha-Therapeuten konzipiert. «Dieses Gerät löst keine stereotype Wiederholung passiver Bewegungen aus – erklärt Rossi –, sondern fördert die Ausführung von Handlungen wie etwa das Zusammendrücken eines Schwamms oder das Verschieben einer Kiste. Solche Geräte könnten dem Therapeuten bei der Rehabilitationshilfe unterstützen und die Möglichkeit verbessern, gezielte Therapien für ein spezifisches Defizit des Patienten auszuüben.

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Die Therapie mit Hilfe des Roboters hat sich als ebenso wirksam erwiesen wie die Standardtherapie. Nun geht es in einer zweiten Phase darum, das Robotergerät noch weiter zu verbessern, und zwar mit einem «Upgrade» hin zu einer agileren Bauweise, damit die Patienten den Roboter in Zukunft nach dem Verlassen der Rehaklinik auch zuhause verwenden können. «Bis Ende des Jahres möchten wir mit der Rekrutierung abschliessen – so Rossi. – Verläuft das Projekt erfolgreich, steht den Patienten ein zusätzliches Rehabilitationsgerät zur Verfügung, mit dem die Therapieintensität verstärkt und die Rückkehr in die eigenen vier Wände erleichtert wird. Es muss betont werden, dass diese Forschungsreihe nicht darauf abzielt, den Therapeuten zu ersetzen, sondern die für den Patienten verfügbaren Rehabilitationsmöglichkeiten auszubauen.»

Die Clinica Hildebrand gibt es seit 1953 und hat sich von einem ansprechenden Erholungsort zu einem fortschrittlichen Rehazentrum weiterentwickelt. Sie verfügt heute über 120 Betten und eine Tagesklinik und befasst sich mit neurologischen und kardiologischen Erkrankungen, Muskel-Skelett-Krankheiten sowie psychosomatischen Erkrankungen. Letztere betreffen eine geringe Anzahl Personen, die unter physischen Krankheiten leiden, die auf unterschiedliche Weise mit der Psyche zusammenhängen. Beispielsweise Patienten mit chronischem Schmerzsyndrom in Verbindung mit Depression oder existentiellen Problemen. «Knapp zwei Drittel unserer Patienten sind neurologische Fälle – erklärt Graziano Ruggieri, Chefarzt und Facharzt für allgemeine innere Medizin und Geriatrie: – Menschen, die eine akute Behinderung wie einen Schlaganfall hatten, oder eine chronische Krankheit wie Parkinson oder multiple Sklerose aufweisen.»

Die Zusammenarbeit der verschiedenen Fachbereiche sowie ein gemeinsames Verfolgen der Therapieziele mit Patienten und Familien stehen im Mittelpunkt des Absatzes der Einrichtung, die von der gleichnamigen gemeinnützigen Stiftung verwaltet wird: «Das, was die Rehabilitationsmedizin von der Intensivmedizin unterscheidet, ist die Tatsache, dass bei uns der Facharzt ein ganzes Team aus Fachkräften leitet, das sich mit den Schäden in Zusammenhang mit der Krankheit befasst – so Ruggieri weiter. – Wir beschäftigen uns weniger mit der Krankheit an sich, sondern mit ihren Folgen für den Patienten.» Das Therapieprogramm ist personalisiert und von den verschiedenen Fachkräften (Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Neuropsychologen, Logopäden, Pflegekräften und Sozialassistenten) vereinbart, deren Funktion es auch ist, das Erreichen der Ziele zu überwachen. «Alle zwei Wochen – so Ruggieri – versammelt sich jedes Team unter der Koordination des Teamleiters, um die Fortschritte und die Prognose des einzelnen Patienten zu besprechen. Man kann behaupten, dass wir bei uns multiprofessionell und interdisziplinär zusammenarbeiten: Mit den jeweiligen Kompetenzen sind alle Spezialisten in der Lage, die grauen Bereiche abzudecken, die entstehen, wenn mehrere Fachbereiche aufeinandertreffen.»

Das zweite Fundament, auf dem die rehabilitative Medizin aufbaut, ist das Verhältnis mit dem Patienten und seiner Familie: «Die Triade Patient-Familie-Umfeld ist ganz wesentlich – so der Chefarzt. – Liegt eine Behinderung vor, können wir alles geben, um sie zu schmälern, aber Umfeld und Familie spielen für das Gelingen der Therapie eine ganz wesentliche Rolle.

Jede Fachkraft kann sich mit der Familie in Verbindung setzen, in der Regel tut dies aber der Teamleiter (der die Geschichte und Prognose des Patienten am besten kennt) und hält regelmässig Kontakt zu den Personen, die sich zuhause um den Patienten kümmern. Häufig organisiert der Teamleiter Gespräche mit der Familie, wobei er über die Entwicklung der Behinderung während des Reha-Verlaufs berichtet. Denn die Erwartungen können im Vergleich zur vorgenommenen Behandlung asymmetrisch sein und es ist wichtig, dass die nächsten Angehörigen laufend über den Verlauf der Therapie informiert werden.»

In Brissago arbeitet man mit dem neurokognitiven Modell, das von dem toskanischen Neuropsychiater Carlo Perfetti in den 70er Jahren entwickelt wurde, und die motorische Rehabilitation nicht als einfach Muskelübung betrachtet. «Wie neurowissenschaftliche Studien kürzlich gezeigt haben, ist es wichtig, auch das Gehirn miteinzubeziehen – bestätigt Ruggieri. – Und diese Methode wenden wir sowohl in der Klinik als auch in der Forschung an.»

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