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Leber, wenn ein kleiner Eingriff schwieriger ist als ein grosser

Montag, 23. Dezember 2019 ca. 8 Minuten lesen In lingua italiana

Gespräch mit Pietro Majno-Hurst, Direktor des Departements für Chirurgie des EOC und Mitverfasser einer soeben in «Annals of Surgery» veröffentlichten Studie. Fortschrittliche Technik und Augenmerk auf die Patienten
von Agnese Codignola

Der Entschluss, eine neue medizinische Fakultät ins Leben zu rufen – deren Kurse im kommenden akademischen Jahr beginnen – bringt verschiedene positive Effekte mit sich. Besonders wichtig ist die Besetzung der Expertenposten: Fachkräfte von internationalem Ruf ins Tessin zu holen bzw. zurückzuholen, welche die Herausforderung annehmen, in einem Umfeld zu arbeiten, das sich im Aufbau befindet und dabei ein prestigebehaftetes, konsolidiertes Umfeld zu verlassen, mit all der erforderlichen Begeisterung und Kreativität.

Und zu diesen gehört Pietro Majno-Hurst, ein Fachmann auf dem Gebiet der Leber- und Pankreaschirurgie, seit 2017 Professor an der Fakultät für biomedizinische Wissenschaften der Università della Svizzera italiana sowie Leiter des Departements für Chirurgie am Ente Ospedaliero Cantonale (EOC) und Chefarzt für Chirurgie am Regionalkrankenhaus Lugano, der nach vielen Jahren in Grossbritannien, Frankreich und Genf ins Tessin gekommen ist.

Majno-Hurst gehört zu den Autoren eines vor kurzem veröffentlichten Artikels in der wissenschaftlichen Zeitschrift Annals of Surgery: Eine Untersuchung von knapp 4.500 sogenannten kleineren Leberresektionen, die in 17 Fachzentren durchgeführt wurden. Ziel der Untersuchung war die Bewertung der Merkmale dieser Eingriffe verglichen mit den herkömmlicheren, sogenannten grösseren Leberresektionen. Das Ergebnis war, dass begrenztere Resektionen, die paradoxerweise häufig komplexer als grössere Resektionen sind, in vielen Situationen die bessere Alternative darstellen, da sie wertvolles Gewebe erhalten, das im Falle von rezidiven, andernfalls unheilbaren Fällen weitere Eingriffe ermöglicht.

Aus der Studie gehen alle wichtigen Charakteristika der modernsten Leberchirurgie hervor, die noch vor einem Jahrzehnt vollkommen anders war. Über das und vieles mehr haben wir uns mit Professor Majno-Hurst unterhalten, der sich als höchst interessante Persönlichkeit erwiesen hat: Ein Arzt und Mann, dessen Vergangenheit geprägt ist vom Vermächtnis der Geschichte, und mit einer Gegenwart, in der das Engagement für den Nächsten weiter über den OP hinausgeht.

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Professor Majno-Hurst, beginnen wir ganz von vorne, also mit diesen Daten. Was sagen sie uns über die moderne Leberchirurgie?

«Die wichtigste Botschaft – so Majno-Hurst – ist, dass man heute in der Lage ist, viele Zustände wie manche Arten Leberkrebs und Lebermetastasen chirurgisch zu behandeln, die früher als inoperabel galten. Dank neuer bildgebender Verfahren sind wir heute in der Lage, ein höchst präzises anatomisches Bild zu erhalten. Ausserdem können wir auf verschiedene Ansätze zurückgreifen: Neben der klassischen, immer ausgefeilteren Chirurgie gibt es die interventionelle Radiologie, bei der Lebergefässe mit speziellen Materialien verschlossen oder Verletzungen mit Mikrowellen verbrannt werden können, oder die Gabe von manchen Arzneimitteln nur nach Bedarf sowie die Strahlentherapie und vieles mehr. All das ermöglicht ein Eingreifen mit einer Präzision, die der eines Uhrmachers gleichkommt, mit bisweilen sehr langen Eingriffen, die letztendlich jedoch optimale Ergebnisse und weniger Risiken bedeuten. Vorausgesetzt, sie werden von Expertenteams durchgeführt, die über die erforderliche Kompetenz verfügen. Und stets mithilfe der Fachkräfte aus anderen Fachbereichen.»

Welche, insbesondere? Und wie wirkt sich die Notwendigkeit multidisziplinärer Teams auf die Organisation des Zentrums aus?

«Wenn wir uns den ganzen Weg einer Person vor Augen führen, die sich mit einer Diagnose vorstellt, die unser Eingreifen erfordert, müssen wir alle Figuren berücksichtigen, die daran beteiligt sind, angefangen bei der OP-Vorbereitung (was bisweilen wie im Fall einiger Tumoren mit medizinischen Therapiezyklen einhergeht) bis hin zu Anästhesisten, Intensivmedizinern, Ernährungsberatern, Reha-Fachkräften und selbstverständlich dem gesamten, ebenfalls spezialisierten Pflegeteam. All das erfordert einen enormen organisatorischen Aufwand und erklärt auch, weshalb die Entwicklung im Tessin in Richtung immer spezialisierterer Zentren geht. Analog zu dem, was in den höchst entwickelten Ländern der Welt geschieht, organisieren sich die vier öffentlichen Krankenhäuser neu, um neben der allgemeinen Chirurgie und der Behandlung der gängigsten Krankheiten jeweils hochgradig spezialisierte Kompetenzzentren zu haben. Kurz gesagt, es macht keinen Sinn, dass wir alle Operationen jeder Art durchführen, sondern es ist viel sinnvoller, dass jeder von uns auf manchen Gebieten zu den besten gehört. In unserem Fall auf dem Gebiet der Leber, der Bauchspeicheldrüse und der Gallenwege.»

Das ist eine der grössten Herausforderungen, mit der jemand wie Sie, der sich für die Teilnahme an dem neuen Abenteuer der Universität entschlossen hat, konfrontiert wird. Was werden wohl nach dem Start der Kurse die grössten Genugtuungen sein?

«Sie lassen sich in zwei Worten zusammenfassen: Lehren und Forschung. Die Zusammenarbeit mit den Studenten bedeutet, stets motiviert und in Frage gestellt zu werden, und die Möglichkeit zu haben, unser Wissen weiter zu geben und zu versuchen, jeden Tag besser zu werden. Und wo eine Universität ist, da wird geforscht: Grundlagenforschung, klinische Forschung und (immer öfter) translationale Forschung, welche die beiden Erstgenannten miteinander verbindet. Die Teilnahme an der Geburt eines ganzen Ökosystems, in dem die Forschung fester Bestandteil ist, ist begeisternd. Eben aus diesem Grund und mit der Unterstützung des EOC und der USI ist es uns gelungen, ein Forschungslabor über den Zusammenhang zwischen der Darmflora und der Immunantwort bei Darmtumoren einzurichten unter der Leitung von Doktor Giandomenica Iezzi und Professor Dimitri Christoforidis, das aus dem Nationalfonds und aus anderen namhaften Fonds bereits eine Million Franken erhalten hat. Wir haben geplant, dass unsere besonders motivierten jungen Ärzte mindestens ein Jahr in der Forschung tätig sein können und zugleich ihren Turnusdienst erfüllen, um aktiv zu bleiben. Eine solche Erfahrung kann eine derartige geistige Öffnung bedeuten, die einen Chirurgen ein Leben lang prägt.

Sie scheinen kein Mensch zu sein, der Schwierigkeiten ausweicht, wie auch Ihr Privatleben zeigt. Sie sind gebürtiger Mailänder, der aber eine besondere Bindung zur Schweiz hat. Möchten Sie uns erklären, was es damit auf sich hat und wie das Ihre Entscheidungen als Erwachsener beeinflusst hat?

«Meinem Vater, einem Halbjuden, gelang es, sich vor dem faschistischen Italien in Sicherheit zu bringen, indem er ins Tessin floh, wo er von der Familie Canevascini in Sorengo aufgenommen wurde. Wäre das nicht geschehen, wäre ich heute nicht hier. Wohl auch aus diesem Grund haben wir in unserem Haus in Genf vor ein paar Jahren drei Flüchtlinge aus Eritrea aufgenommen, die alle schreckliche Geschichten von Gewalt, Inhaftierungen, Flucht und Armut mit sich trugen. Wir sind nämlich der Ansicht, dass wir, die wir das Glück haben, in einem privilegierten Teil der Welt und in einer privilegierten Gesellschaft geboren zu sein, die Pflicht haben, etwas zu tun, um die Ungleichheiten zu mindern. Was man aus menschlicher Sicht als Gegenleistung erhält, ist wertvoller als alle materiellen Güter, nach denen wir immer streben.»

Erweist sich diese Erfahrung, die eine Art Verlängerung des Arztberufes in der privaten Dimension ist, auch im Krankenhaus als hilfreich?

«Wir alle sind das Ergebnis dessen, was wir erlebt haben, unserer Geschichten, dessen, was wir leben. Wenn man Kontakt mit Personen hat, die geradezu unvorstellbares Leiden erlebt haben, dann fällt es sicher leichter, auch im Umgang mit den Kranken, die das zu schätzen wissen, zuzuhören, sie offen anzunehmen. Gleiches gilt für Schmerz und Tod: Meine erste Frau habe ich vor 8 Jahren wegen eines Tumors verloren; Diese Situation gemeinsam mit meinen Kindern durchgemacht zu haben, hat mir sicherlich geholfen, den Menschen, die einer unheilbaren Krankheit gegenüberstehen, mit mehr Empathie zu begegnen.»

Dieselbe Kontinuität zwischen Arbeit und Privatem erkennt man auch an Ihrem Interesse für Umweltfragen, für die Sie besonders empfänglich sind. Es ist bekannt, dass Sie als Fortbewegungsmittel fast nur das Fahrrad oder die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen. Was müssen wir Ihrer Meinung nach tun, um unseren Kindern einen lebenswerteren Planeten zu hinterlassen?

«Das, worum ich mich auch im Umgang mit einem Patienten bemühe: Vorausschauen und an den Problemen von morgen anzusetzen, ohne zu tun, als wüsste man von nichts, die Grenzen der Natur zu anerkennen und die Mittel den Zielsetzungen entsprechend zielführend und realistisch anzupassen. Damit das gelingt, braucht es nicht nur guten Willen, sondern Gesetze, die uns verpflichten, in eine umweltfreundlichere Welt zu investieren und die durch die Produktion materieller Güter und Komfort verarmte Natur zu rekapitalisieren. Das bedeutet eine Reinvestition des Reichtums: Vielleicht steht entgegen der emphatischen Aussage Balzacs nicht hinter jedem grossen Vermögen ein Verbrechen, aber wir wissen heute, dass es einen CO2-Abdruck hat, den man kompensieren muss. Und wir müssen in Schulen, Kultur und Gesundheit investieren, damit der Menschheit von morgen, wenn auch mit weniger materiellen Gütern, glücklicher und sicherer leben kann.»

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