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Das neue, in den USA zugelassene Corona-Medikament hat ein Tessiner Herz

Montag, 7. Juni 2021 ca. 8 Minuten lesen In lingua italiana

Der monoklonale Antikörper Sotrovimab, der in den Vereinigten Staaten von Vir Biotechnology in Kooperation mit der GSK Group hergestellt wird, wurde bei Humabs in Bellinzona isoliert. Interview mit dem Managing Director Filippo Riva
von Paolo Rossi Castelli

Der monoklonale Antikörper Sotrovimab, der von der amerikanischen Vir Biotechnology entwickelt und gemeinsam mit dem Pharma-Riesen GSK (GlaxoSmithKline) produziert wird und in dem ein (starkes) Tessiner Herz schlägt, bekam vor kurzem in den Vereinigten Staaten grünes Licht (Emergency Use Authorization - EUA) für die frühzeitige Behandlung von Covid-Patienten mit dem Risiko eines schweren Verlaufs. Ein grossartiger Erfolg, da bisher nur zwei weitere Arzneimittel auf der Basis monoklonaler Antikörper eine ähnliche Zulassung der Food and Drug Administration (FDA), der Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, erhalten haben: Der «Cocktail» der von Regeneron hergestellten Antikörper (Casirivimab und Imdevimab), welcher die erfolgreiche Behandlung des Ex-Präsidenten Donald Trump ermöglichte, und der «Cocktail» der Firma Eli Lilly (Bamlanivimab und Etesevimab). Ausser diesen gibt es abgesehen von den Impfstoffen weltweit keine spezifischen Corona-Medikamente, aber die Impfstoffe dienen ja bekanntermassen der Vorbeugung der Krankheit, nicht ihrer Behandlung. Aber was hat das alles mit dem Tessin zu tun?

«Wir von Humabs BioMed in Bellinzona – erklärt Filippo Riva, Managing Director des Unternehmens (einer 100%igen Tochtergesellschaft von Vir Biotechnology) – haben den Antikörper, der ursprünglich VIR-7831 hiess und dann in Sotrovimab umbenannt wurde, in Rekordzeit selektiert. Wir haben letztes Jahr im Januar mit absoluter Intensivarbeit begonnen (man kann schon fast sagen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche) und bereits Ende Februar den besten Antikörper gefunden. Dann wurde die Arbeit nach San Francisco, an den Sitz von Vir verlagert, wo dann die Labortests mit dem Coronavirus, die Herstellung des Medikaments und die Erprobung am Menschen durchgeführt wurden». Ohne die Arbeit von Humabs hätten die amerikanischen Kollegen von Vir den Antikörper, den sie entwickelt haben und vertreiben, gar nicht erst gehabt. Aber ohne die Amerikaner wäre Humabs der Schritt bis zum fertigen Medikament mit Zulassung für den Verkauf nicht gelungen. «Es war also echte Teamarbeit – kommentiert Riva – und es hat sehr gut funktioniert. Unser Antikörper scheint so wirksam gegen Covid zu sein (Reduzierung des Einweisungs- oder Todesrisikos bei hoch gefährdeten erwachsenen Patienten um 85%, verglichen zum Placebo), dass das unabhängige Überwachungsgremium der klinischen Studie die Erprobungsphase frühzeitig beendet hat, da die Ergebnisse offensichtlich positiv waren und es ethisch nicht vertretbar gewesen wäre, der Hälfte der Patienten, die an der Untersuchung teilnahmen, ein Placebo zu verabreichen. Ausserdem funktioniert unser Medikament im Vergleich zu den Konkurrenten als Monotherapie (nur ein Antikörper, kein Cocktail) mit niedrigerer Dosierung, und das vereinfacht seinen Gebrauch. Zudem hat er ein gegen die (auch in den vergangenen Monaten aufgetretenen) wichtigen Mutationen des Coronavirus „resistentes“ Profil, sodass er als einziger Antikörper in der Lage ist, seine volle Wirksamkeit zu erhalten». Vor wenigen Tagen, am 25. Mai, wurden in der namhaften Zeitschrift Cell die Endergebnisse der Studie aus Bellinzona zur Entdeckung des Antikörpers VIR-7831 veröffentlicht. Erstverfasser ist Davide Corti, wissenschaftlicher Leiter von Humabs.

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Aber gehen wir einen Schritt zurück, um näher zu erklären, was ein monoklonaler Antikörper eigentlich ist: Dieser Antikörper hat sehr grosse Ähnlichkeit mit denen, die das Immunsystem produziert, und funktioniert auch auf dieselbe Weise (indem er die spezifischen «Feinde» des Organismus blockiert), aber er ist nicht von Natur aus in unserem Körper vorhanden. Mithilfe der Gentechnik erzeugen Forscher die monoklonalen Antikörper und lenken sie auf ein ganz bestimmtes, von den Forschern gewolltes Ziel (in unserem Fall das Protein Spike des Coronavirus), um dieses auszulöschen.
«Die monoklonalen Antikörper können – so Riva weiter – von tierischen und humanisierten (wie man in der Fachsprache sagt) Antikörpern abgeleitet werden, oder, wie Sotrovimab, von menschlichen Antikörpern, die im Labor modifiziert wurden, um sie effizienter zu gestalten. Im Fall von Sotrovimab haben wir genauer gesagt an Antikörpern gearbeitet, die im Blut von Personen vorhanden sind, die 2003 SARS, das Schwere Akute Respiratorische Syndrom überlebt haben, das ebenfalls durch ein Coronavirus hervorgerufen wurde, das dem des Covid stark ähnelt. Insbesondere haben wir die Aufmerksamkeit auf einige „Zonen“ des Proteins Spike gelenkt (welches das Virus benötigt, um uns zu infizieren), die sowohl im „alten“ als auch im neuen Virus zu finden waren. Mit einer neuen, sehr fortschrittlichen Methode haben wir dann die besten Antikörper gegen jene Zonen des Virus herausgefunden (Zonen, die gut konserviert sind, wie man in der Fachsprache sagt, also nur schwer mutieren: Also Zonen, die zumindest potentiell nicht anfällig für Varianten sind). Auf diese Weise konnten wir eine Monotherapie entwickeln (einen einzigen Antikörper, der stets wirkt) und brauchten keinen Cocktail aus zwei Antikörpern, der auf der Hoffnung basiert, dass zumindest einer von beiden wirkt, wenn der andere nicht funktioniert. Dann haben wir diese Antikörper mit von uns erzeugten „Testviren“ (Pseudoviren) getestet und sie schliesslich in die Vereinigten Staaten geschickt, wo dann, ebenfalls in Rekordzeit, alle weiteren Abläufe stattfanden, die zum Schluss zum fertigen Medikament und seiner Zulassung durch die FDA geführt haben».

Wie aber funktionieren die monoklonalen Antikörper wie Sotrovimab? Sie «ersticken» die Infektion am Aufkeimen, bevor sich das Virus zu stark verbreitet und bevor das Immunsystem eine, wie es bisweilen vorkommt, übermässige Reaktion (den sogenannten Zytokinsturm) in Gang setzt, die den Zustand des Patienten noch verschlechtert, anstatt ihm zu helfen, und in manchen Fällen sogar zum Tod führt. Wie auch die monoklonalen Antikörper von Regeneron und Eli Lilly kann Sotrovimab allerdings nur in einem recht begrenzten Zeitfenster verabreicht werden, was selbstverständlich eine Einschränkung in der Nutzung bedeutet: Auch aus diesem Grund haben die monoklonalen Antikörper in den Vereinigten Staaten und in den anderen Ländern bisher noch keine sehr breite Anwendung gefunden. Ein weiteres Problem ist, dass die Therapie im Krankenhaus verabreicht werden muss, da sie circa 30 Minuten lang über die Vene gegeben wird und der Patient ein paar Stunden lang überwacht werden muss. Auch der verglichen mit den Vakzinen sehr hohe Preis kann zur Bremse werden. «Tatsächlich ist Sotrovimab teuer als ein Impfstoff, – so Riva – aber es handelt sich um eine richtige Therapie (und nicht ein vorbeugendes Arzneimittel, Anm. d. Red.), und der Kostenaufwand für das Gesundheitswesen ist auf jeden Fall deutlich niedriger als die Kosten, die anfallen würden, wenn der Patient das Mittel nicht nähme und ins Krankenhaus oder gar die Intensivstation eingeliefert werden müsste. Und schliesslich gibt es auch ein Problem politischer Art, wie mir scheint. Die Ärzte und auch die Gesundheitsbehörden haben es noch nicht „verdaut“, dass die monoklonalen Antikörper (die in der Regel gegen Autoimmunkrankheiten oder gegen manche Tumorarten eingesetzt werden) auch erfolgreich gegen Infektionskrankheiten wie Covid, aber auch andere, verwendet werden können».

Wie die Impfstoffe und die anderen monoklonalen Antikörper wird Sotrovimab mit einer Produktionskette produziert und «zusammengesetzt», die aus ganz unterschiedlichen Phasen bestehen kann. Diese können in Werken erfolgen, die sich auch Tausende Kilometer voneinander entfernt befinden. Besteht dadurch aber nicht die Gefahr, dass es zu Engpässen in der Verfügbarkeit des Arzneimittels kommt, wenn eines der Glieder dieser Kette irgendwo (vielleicht in Indien oder China) ausfällt? «Es ist eine Frage der Spezialisierung auf einzelne komplexe Aktivitäten mit hohem Mehrwert, der Effizienz und der Ressourcen – erklärt Riva. – Zum Beispiel die Maschinen, die zum Abfüllen der Impfstoffe (in Phiolen) dienen, sind in der Regel zu teuer für einen einzelnen Betrieb, der sie nur partiell nutzt. Also bedient man sich lieber darauf spezialisierter Firmen, die für zahlreiche Unternehmen gleichzeitig arbeiten. Normalerweise gibt es zwei oder drei Passagen: Die einen Betriebe produzieren den Rohstoff, ein anderes das Arzneimittel (aus diesen Rohstoffen) und ein drittes packt das Arzneimittel ab (die sogenannte „Fill and Finish“ Phase). Wenn man möchte, dass ein- und dasselbe Unternehmen alle Abläufe vornimmt, um einen etwaigen internationalen Blackout zu vermeiden, so werden staatliche Mittel benötigt, da die Kosten für die Privaten einfach untragbar sind. In den USA hat man das für ein paar als „strategisch“ geltende Arzneimittel gemacht».

Und in den USA ist man sogar noch weiter gegangen (in Europa noch nicht) und hat bereits seit einiger Zeit ein Programm namens P3 gestartet, mit dem die Betriebe im wahrsten Sinne des Wortes darauf trainiert werden sollen, Arzneimittel bei Bedarf möglichst schnell herzustellen. «Dieses Programm – so Riva abschliessend – wurde mehrmals erprobt und hat mit den Corona-Impfstoffen oder im Fall von Lilly hervorragend funktioniert. Ohne dieses Projekt und diese Mentalität hätte es das „Wunder“ derart wirksamer Impfstoffe in wenigen Monaten nicht gegeben».

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