LOCARNO

Das menschliche Auge immer mehr in Begleitung des Computers: So arbeitet der anatomische Pathologe

Sonntag, 1. August 2021 ca. 4 Minuten lesen In lingua italiana

Bilanz des Kantonalen Instituts für Pathologie ein Jahr nach der Fusion mit dem EOC: positive Synergien. Viel Raum für künstliche Intelligenz. Darüber haben wir mit dem Leiter Luca Mazzucchelli gesprochen
von Michela Perrone

Stellt man sich einen anatomischen Pathologen vor, dann kommt einem wohl eine über das Mikroskop gebeugte Person im weissen Kittel in den Sinn. Nun, dieses Image gehört wohl schon bald der Vergangenheit an: Heute entwickelt sich die anatomische Pathologie rasant weiter in Richtung der vollständigen Digitalisierung. «Eine der Herausforderungen der nächsten Zukunft bezieht sich genau auf die Möglichkeit, diesen „Schritt“ zu vollziehen, indem man den Objektträger scannt und die Probleme auf hochauflösenden Bildschirmen betrachtet», bestätigt Luca Mazzucchelli, medizinisch-wissenschaftlicher Leiter des Kantonalen Instituts für Pathologie in Locarno (ICP), das seit Juli 2020 Teil des Ente Ospedaliero Cantonale (EOC) ist.
Der anatomische Pathologe ist eine klinische Figur, der sich vor allem mit der Untersuchung fester und flüssiger Biopsien (Gewebe und Blut) befasst, die von Patienten entnommen wurden, um die Natur der kranken Zellen zu bestimmen und, immer häufiger, um deren genetisches Profil zu charakterisieren (eine unverzichtbare Voraussetzung für die anschliessende Festlegung der Therapien). Ein grosser Teil der Tätigkeit der anatomischen Pathologen befasst sich mit der Onkologie, und genau in diesem Bereich hat in den letzten Jahren die grösste Entwicklung stattgefunden: Durch die personalisierte Medizin und die Immuntherapien wird es immer wichtiger, die Merkmale des Patienten und seines Widersachers im Detail zu kennen, bevor mit der Behandlung begonnen wird.

KÜNSTLICHE INTELLIGENZ - Die Digitalisierung ist der erste Schritt hin zu einer grundlegenden Wende für den Beruf des Arztes und das Leben der Patienten: «Mit dem EOC – so Mazzucchelli – haben wir ein dreijähriges Projekt auf den Weg gebracht, das die Einführung von Algorithmen künstlicher Intelligenz zur Unterstützung der klinischen Arbeit vorsieht, wodurch man sich des Teils, der heute manuell ausgeführt wird, „entledigen“ würde.» Das Institut für Pathologie ist kein Blutuntersuchungslabor, sondern ein medizinisches Labor, in dem alle Erkenntnisse dann im Hinblick auf den klinischen Kontext des Patienten interpretiert werden.
«Ein weiteres, durch die Fusion mit dem EOC erreichbares Ziel ist die integrierte Diagnostik – so Mazzucchelli weiter. – Für den klinischen Arzt, der am Bett des Patienten steht, ist es heute immer komplizierter, die verschiedenen Untersuchungsergebnisse der Pathologie, Genetik, inneren Medizin, welche die Labore erstellen, zu entschlüsseln … Integrierte Diagnostik bedeutet ein komplettes Produkt mit all diesen Informationen. Praktisch bedeutet das, dass eine Zusammenarbeit zwischen den Instituten auf den Weg gebracht werden muss, die sich mit den verschiedenen diagnostischen Tätigkeiten befassen, indem sie sich bestmöglich koordinieren, um auf die Bedürfnisse des Patienten eine möglichst wirkungsvolle und effiziente Antwort zu liefern.» Diesbezüglich müsste man auch das EOLAB, das Institut für Mikrobiologie des EOC ins Boot holen, das jährlich Tausende Untersuchungen für die Diagnose und Kontrolle der Infektionskrankheiten vornimmt.

Ein Projekt, das hingegen bereits am ersten Tag der Fusion zwischen dem Kantonalen Institut für Pathologie und dem EOC angelaufen ist, ist das Berufsbild des dermatologischen Pathologen, eines Dermatologen mit Fachrichtung Pathologie. Eine für das Tessin neue Figur, die nicht möglich gewesen wäre, wenn das ICP weiterhin in direkter Abhängigkeit des Departements für Gesundheit und Soziales gestanden hätte, ohne eine starke Einbindung in die Krankenhäuser.

DATENMANAGEMENT - Während der COVID-19-Pandemie wurde deutlich, dass vorhandene Daten allein nicht genügen: Man muss auch in der Lage sein, sie zu verwalten, auszuwerten und die Archive korrekt abzufragen. Allesamt Kompetenzen, die nicht selbstverständlich sind und erlernt werden müssen. «Dem EOC zu unterstehen – so Mazzucchelli –, hat es uns ermöglicht, sofortige Ressourcen für unsere Projekte zur Verfügung zu haben und auch qualifiziertes Personal einzustellen, das im Hinblick auf die Ziele des Instituts geschult und eingewiesen werden muss.» Das Management der enormen Datenmengen, die das ICP produziert, ist komplex: «Zum Beispiel – erklärt Mazzucchelli – belegt die Molekularuntersuchung eines einzigen Patienten ganze 60 GB Speicherplatz. Und die Digitalisierung eines einzigen Objektträgers bedeutet eine Umwandlung in 5 GB Informationen (eine sicherlich nicht kleine Menge, Anm. d. Red.). Zu unseren Zielen gehört unter anderem die Optimierung der Archive, um auch zu einem späteren Zeitpunkt auf dieses Vermächtnis zurückgreifen zu können.»
Im Rahmen der künstlichen Intelligenz hingegen geht es, wie bereits erwähnt, darum, die Algorithmen, die «bereits heute in manchen Situationen besser funktionieren als das Auge eines erfahrenen Pathologen, immer weiter zu perfektionieren – so Mazzucchelli. – Auch in diesem Fall ist die gelungene Integration zwischen der künstlichen und menschlichen Intelligenz eine Herausforderung».

(Foto oben von Loreta Daulte)

Tags: Kantonales Institut für Pathologie
Tags: tumoren