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Coronavirus, in 3 Monaten die ersten Tests am Menschen eines neuen Medikaments

Freitag, 10. April 2020 ca. 6 Minuten lesen In lingua italiana

Es handelt sich um einen neuen, von Humabs in Bellinzona in kürzester Zeit entwickelten monoklonalen Antikörper unter Verwendung des Blutes eines 2003 von SARS genesenen Patienten. Gespräch mit dem wissenschaftlichen Leiter Davide Corti
von Paolo Rossi Castelli

An dem internationalen Wettlauf um ein wirksames Arzneimittel gegen Covid-19 beteiligt sich mit Nachdruck auch Humabs BioMed, das als Spin-Off des Forschungsinstituts für Biomedizin in Bellinzona gegründet und 2017 von dem Us-amerikanischen Unternehmen Vir Biotechnology übernommen wurde (Sitz und Labore von Humabs befinden sich nach wie vor im Tessin). Das Unternehmen hat vor wenigen Tagen angekündigt, mit einem neuen monoklonalen Antikörper kurz vor der Testreihe am Menschen zu stehen. Worum handelt es sich? Diese Frage stellt Ticino Scienza dem wissenschaftlichen Leiter von Humabs und international hochangesehenen Forscher Davide Corti.

«Seit geraumer Zeit (lange vor dieser Pandemie) befasse ich mich mit unterschiedlichen Coronaviren – so Corti –, die ich immer als ein Risiko gesehen habe. Es handelt sich um wandlungsfähige Viren, die in der Lage sind, von einer Spezies auf die andere überzuspringen ... Als dann die Chinesen am 11. Januar erstmals die genetische Sequenz des Virus veröffentlichten, welche die Bewohner Wuhans befallen hatte, machte ich mich mit meinen Mitarbeitern sofort ans Werk und wir haben einen besonders wirksamen Antikörper im Blut eines Patienten isoliert, der 2003 von SARS (eine ebenfalls durch ein Coronavirus verursachte, schwere Atemwegserkrankung, Anm. d. Red.) genesen war. Ein Antikörper, der ihm das Leben rettete. Diese Person hatte mehrmals Blut gespendet, auch 2013, und uns lagen einige Proben vor.»

Das SARS-Virus (mit dem wissenschaftlichen Namen SARS-CoV) ist aber nicht das, welches die aktuelle Covid-19-Pandemie verursacht (sein wissenschaftlicher Name lautet SARS-CoV2) ... «Die für diese beiden Krankheiten verantwortlichen Coronaviren stimmen zu 76 % überein und der von uns isolierte Antikörper richtet sich gegen eine „Zone“, die bei beiden Virustypen gleich geblieben ist. Die Möglichkeit, einen bei beiden Viren erhaltenen Bereich zu treffen, ist besonders wichtig, denn so ist der Antikörper möglicherweise auch gegen künftige Varianten des Virus wirksam.»

Wie weit sind Sie?

«Wir befinden uns in einer weit fortgeschrittenen Phase: Mithilfe der Gentechnik haben wir den natürlichen Antikörper (bei dem es sich um ein Protein handelt) bereits etwas verändert, um ihn noch wirksamer zu machen, und wir befinden uns in der Phase der Produktion einer grossen Menge identischer Kopien (eben der sogenannten monoklonalen Antikörper) für die klinischen Studien ihrer Wirksamkeit. Wir haben also beschlossen, das wirtschaftliche Risiko dieses Unterfangens einzugehen und schnell zu handeln. Die Krise erfordert es.»

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Foto von Marian Duven und CDC Schau in die Galerie (8 foto)

Wird der neue monoklonale Antikörper von Ihnen hergestellt? «Um den gesamten Prozess zu beschleunigen, haben wir uns an zwei spezialisierte Unternehmen gewendet, WuXi Biologics und Biogen Inc. Normalerweise werden 12 bis 18 Monate benötigt, um zu den Tests am Menschen zu gelangen. Diesmal gehen wir von 3-5 Monaten aus, also in Rekordzeit.»

Können Sie uns ein paar weitere Details nennen?

«Der monoklonale Antikörper wird auf zwei unterschiedliche Weisen produziert werden. Zusammenfassend (und stark vereinfachend) kann man sagen, dass es uns mithilfe der Gentechnik gelungen ist, dafür zu sorgen, dass dieser Antikörper viel länger aktiv bleibt als normal, auch um aus ihm eine Art Impfstoff zu machen. Wie geschieht das? Das Virus wird durch unseren monoklonalen Antikörper nicht nur blockiert, sondern auch dem Immunsystem „ausgesetzt“, indem die zytotoxischen T-Lymphozyten (Zellen, die in der Lage sind, das Virus zu erkennen und zu vernichten) und die B-Gedächtniszellen aktiviert werden, die sich an das Virus selbst „erinnern“, falls sie ihm erneut begegnen. Diesbezüglich können wir von einer ähnlichen Wirkung wie bei Impfstoffen sprechen.»

Aber wie ist es Ihnen gelungen, unter der riesigen Anzahl an Molekülen und Zellen im Blut des an SARS genesenen Patienten geraden den «richtigen» Antikörper zu bestimmen?

«Wir haben nicht direkt den Antikörper, sondern die B-Gedächtniszellen des Patienten (also die Zellen, die die Antikörper bilden) isoliert. Wir haben Tausende gesammelt, ohne zu wissen, wozu sie dienten (jede B-Gedächtniszelle „speichert“ einen einzigen Fein – also nicht nur das Coronavirus, sondern unzählige weitere Viren, Bakterien, Mikroorganismen unterschiedlicher Art – und ist bereit, sich zu aktivieren, wenn sie ihm begegnet). Dann haben wir diese Lymphozyten einzeln in eine Nährflüssigkeit getaucht, die ihr Wachstum und Überleben unterstützt. Wir haben sie mit einer besonderen Technik trotz der Abwesenheit der „Feinde“ (in der Nährflüssigkeit waren keine) zur Bildung von Antikörpern stimuliert. Dann haben wir einen nach dem anderen untersucht und unter Tausenden die herausgefunden, die auf das Coronavirus zielten und unter diesen wiederum den wirksamsten gefunden. Und damit nicht genug ... Wir haben die DNA der B-Gedächtniszelle extrahiert, die ihn gebildet hatte, und mithilfe der Gentechnik haben wir dann die Gensequenz so modifiziert, dass wir sie synthetisieren konnten. Schliesslich haben wir sie in Zellen eingeführt, die wir (tatsächlich ...) aus den Eierstöcken von Hamstern gewonnen haben, um eine grosse Menge identischer Kopien dieses Antikörpers zu erhalten (viele Pharma-Unternehmen verwenden Hamsterzellen, da sie monoklonale Antikörper in grossen Mengen bilden können). Ganz einfach, oder? Spass beiseite ... Wie man sich vorstellen kann, handelt es sich um ein hochkomplexes Verfahren.»

Wird es zu keinen Abstossungsreaktionen kommen?

«Nein, mit monoklonalen Antikörpern dieses Typs dürften es keine Probleme geben. Es sind zwar von Hamsterzellen produzierte Antikörper, aber sie stammen von humanen Antikörpern ab und ihre Sequenz bleibt human ...»

Woher kommt Ihrer Meinung nach dieses Virus, das in der ganzen Welt so grosses Unheil anrichtet? Man hört ja die seltsamsten Thesen ...

«Ich glaube – aber das ist meine absolut persönliche Meinung –, dass es über die Tiere (Fledermäuse oder Schuppentiere) bereits vor langer Zeit in den Organismus des Menschen gelangt ist und sich dort mit der Zeit angepasst und weiterentwickelt hat, bis es schliesslich von dem Rezeptor auf einigen Lungenzellen erkannt wurde und dort eindringen konnte. Es ist in gewisser Hinsicht zum perfekten Virus geworden, da es sein Ziel besonders effizient befällt, ohne jedoch gleichzeitig zu tödlich zu sein (die Sterblichkeit liegt, wie wir wissen, mit Ausnahme besonderer Fälle bei rund 2-3 Prozent der Patienten). Die Gefahr ist jetzt, dass dieses neue Coronavirus endemisch wird, also dass auch nach vielen Monaten nicht vollständig verschwindet. Wir werden uns wohl daran gewöhnen müssen, langfristig mit diesem Virus konfrontiert zu sein. Und vor allem brauchen wir so schnell wie möglich ein für alle zugängliches, wirksames Medikament.»

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