Die Meinung

Covid, stolz darauf, wie wir reagiert haben, aber auch beunruhigt

Pietro Majno-Hurst
Dienstag, 29. Dezember 2020 ca. 6 Minuten lesen In lingua italiana

von Pietro Majno-Hurst
Ärztlicher Direktor der EOC Klinik für Chirurgie

Als Chirurg, der an vorderster Front am Engagement der Krankenhäuser im Umgang mit der Pandemie beteiligt war und davon profitierte, muss ich bewundern, wie es der Medizin (mit ihren drei Sparten: Forschung, Assistenz und Infrastrukturen) und allgemeiner die Welt der Wissenschaft gelungen ist, vereint zu arbeiten und schnell die nötigen Antworten zu liefern.
Adieu an ein Zitat von Paul Valéry: «Ce qui est simple est faux, ce qui est compliqué est inutilisable», das einem meiner Meister so teuer war. In der Co-Evolution, die Technik, Mensch und Natur verbindet, war die Fähigkeit der Technik, sich beinahe eigenständig Lösungen zu erarbeiten, beeindruckend. Beispielsweise der lückenlose Ablauf, der in wenigen Stunden nach dem Abstrich bereits zur SMS mit der Diagnose von SARS-CoV-2 führt, die Entwicklung eines Impfstoffes in historisch unvorstellbar kurzer Zeit mit einer Technologie, mit der man auch in Zukunft schnell Vakzine gegen andere Krankheitserreger entwickeln können wird.

 

Im Tessin ist es uns gelungen, einen wichtigen Beitrag zur wissenschaftlichen Task Force zu leisten: Unsere Forschung hat sich sofort auf die Coronakrise fokussiert und profitierte von ihren Kompetenzen in Immunologie und Pharmakologie, und in der Abteilung für Chirurgie des EOC waren wir an den internationalen Leitlinien beteiligt. Ausserdem haben wir gewiss mit weniger Komfort, aber mit derselben Qualität dringende Krankheiten wie Tumoren im Bauraum, mit denen ich mich befasse, weiterhin operiert. Auch hier konnte man einen schnellen Fortschritt feststellen, insbesondere mit mini-invasiven Techniken, auf dem für unser Land üblichen Spitzenniveau. Auch wenn ich auf all das stolz bin, bedaure ich, dass andere Fachbereiche, die keine unmittelbar tödlichen Krankheiten behandeln (Orthopädie, Gefässchirurgie, rekonstruktive Chirurgie, spinale Neurochirurgie) wegen mangelnden Intensivbetten oder mangels OP-Plätzen keine prompten Therapien anbieten konnten. Analog dazu hatten nicht alle Fachärzte und Fachkräfte der verschiedenen Berufsgruppen die Bürde der Pandemie in gleicher Weise zu schultern: Den Intensivstationen und den Abteilungen für innere Medizin gilt unsere Anerkennung für die Pflege der COVID-Patienten, die es uns gleichzeitig ermöglicht haben, unseren Beruf weiter auszuüben und weiter zu entwickeln.

 

Ein weiterer Grund für Optimismus: Ich habe vor allem während der ersten Welle bewundert, wie die ganze Menschheit Gewohnheiten, die unabänderbar schienen, schnell geändert hat. Lebendig sind noch die Bilder der Solidarität und Flexibilität, die aus der Not heraus entstanden sind, und einer Natur, die wieder Atem holte: Der Himmel ohne Flugzeuge, Delfine in Venedig, Feinstaub PM10 auf historischem Mindeststand. Der intelligente Einsatz der Videokonferenz, der Telearbeit, die Bündelung der Bildungs- und Kulturressourcen haben neue Funktionsweisen und Verhältnisse zu Tage gebracht, die unsere kognitiven Tools, wie ich denke, definitiv bereichern. Insgesamt ein Denkmal an die Anpassungsfähigkeit, die uns auszeichnet.

 

Als Bürger der globalen Metropole aber beunruhigen mich vor allem zwei Elemente.

 

Zum einen das Fehlen von Signalen, dass die aktuelle Politik, die kurzsichtig, uneinig und inkonsistent scheint (mit ein paar Ausnahmen, vor allem unter den führenden Frauen) beabsichtigt, die Risse im sozialen Netzwerk und in den Infrastrukturen zu reparieren, welche die Pandemie – als Prüfstand der bei weitem gravierenderen Umweltkrise – offengelegt hat. Risse, die (in Anspielung auf die traurigen Leidenschaften von Spinoza, der damit ausdrückte, dass sich die Lage automatisch verschlechtert, wenn wir nicht aktiv agieren) durch traurige Kräfte geschaffen wurden, bei denen das Streben nach Profit in all seinen Facetten an erster Stelle steht. Kräfte, die dem Aufbau des materiellen Wohlstands, in dem wir leben, dienlich sind, die sich aber nun gegen die (Re-) Konstruktion der resilienten Welt richten, die wir brauchen. Offensichtliche Beispiele: Die mangelnde Vorbereitung auf die produktive Umstellung des Westens, als es darum ging, ausreichend Masken, Sauerstoffflaschen oder Atemgeräte bereitzustellen; Die einzelnen Länder sind in einem enttäuschenden «Wir zuerst» versunken. Und ein noch schmerzvolleres Beispiel der Fragilität: Die Krisen der amerikanischen (und europäischen?) Nahrungsmittelketten, die das Opfer von Millionen Zuchttieren erforderten.
Es handelt sich um fahrlässige Ignoranz und Handlungslosigkeit, nicht um die Unmöglichkeit, Lösungen zu finden: Aus technischer Sicht können wir schon alles, was nötig ist. Bleiben wir bei COVID: Die bis zum Impfstoff erforderlichen Lockdowns möchten (anstatt können) wir uns nicht erlauben, ich verweise auf die Entscheidung des Nationalrats gegen das Einfrieren der Mieten, die Nicht-Absagen der Grossveranstaltungen im Herbst oder der Skisaison. Eigentlich müssten wir die Wirtschaftszweige konzeptuell in die Pflicht nehmen, zögern aber an der Umsetzung, um zu vermeiden, dass wir die Rücklagen anzapfen oder die erforderlichen Ressourcen umverteilen müssen, um dafür aufzukommen. Zwischenzeitlich steckt der Feind vor allem die Schwächeren und Stilleren in den Sack, während die grossen Vermögen während der Pandemie angewachsen sind.

 

Zum anderen die geringe Beachtung der Tatsachen. Das deutlichste Beispiel sind die absurden Vorhaben des scheidenden amerikanischen Präsidenten, und, was noch viel beunruhigender ist, dass er trotz des katastrophalen Krisenmanagements und der Arroganz, mit der er wissenschaftliche Erkenntnisse leugnete, erneut knapp 50% der Stimmen erntete. Ich sehe in der Leugnung der Wissenschaft und in ihrem Zuspruch durch das gesamte politische Spektrum (Impfgegner, Corona-Skeptiker, Chloroquin-Befürworter, GMO-Gegner, usw.) ein in dreierlei Hinsicht gravierendes Element: 1) Wir haben die Gründe dieser Spaltung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft nicht ausreichend hinterfragt, und ohne Diagnose gibt es wohl keine Heilung; 2) Falls die zu geringe Investition in Bildung und Kultur (angefangen bei den Kindergärten bis hin zu den Fernsehprogrammen für Erwachsene, eine weitere traurige Kraft) eine der Hauptursachen ist, wie ich glaube, dann wird es Jahre dauern, um den Fehler auszubügeln; 3) Der fehlende Respekt für die Wahrheit der Tatsachen führt mit durch die sozialen Netzwerke vervielfachter Wirkung zu einer Fehlfunktion der demokratischen Entscheidungsmechanismen, auf die wir vertrauen: Wollen wir auf diese dringlichen Herausforderungen angemessen reagieren, müssen wir umdenken. Und das ist die grösste Baustelle, davon bin ich überzeugt.

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