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Wenn der Kongress virtuell wird (und viel mehr Teilnehmer anzieht)

Freitag, 22. Mai 2020 ca. 8 Minuten lesen In lingua italiana

Die jährliche Veranstaltung der European Academy of Neurology, die in Paris vorgesehen war, wird ausschliesslich online stattfinden. 25.000 Personen haben sich angemeldet: Ein Ergebnis, das alle Erwartungen übertrifft. Gespräch mit Professor Claudio Bassetti
von Agnese Codignola

Alles ist bereit für den Startschuss des sechsten Kongresses der Europäischen Gesellschaft für Neurologie (European Academy of Neurology, EAN) am 23. Mai. Eine zugegeben etwas ungewöhnliche Eröffnung einer Konferenz, die in Paris hätte stattfinden sollen, stattdessen nun online ausgetragen wird. Seele und Förderer des Kongresses ist der Präsident der EAN, Claudio Bassetti, der künftige Dekan der Fakultät für Medizin der Universität Bern, seit 2012 Direktor der Klinik für Neurologie sowie 2009 Gründer des Neurocentro della Svizzera Italiana. Bekannt ist Bassetti in der internationalen Neurologie vor allem für seine experimentellen und klinischen Studien über den Zusammenhang zwischen Schlaganfall und Schlaf sowie über Schlaf unter jedem biologischen und pathologischen Aspekt, einschliesslich der Erkrankungen wie der Parasomnie im Allgemeinen und der Narkolepsie im Besonderen. Aber er ist noch viel mehr. Bassetti, ein gebürtiger Tessiner, wird sich mit 14 Jahren darüber im Klaren, dass er Arzt werden möchte, als er nach einem Skiunfall wegen eines schweren Bruchs drei Monate lang im Krankenhaus verbringen muss. Er macht schnell Karriere, erlernt sechs Sprachen, ist 1984 Absolvent an der Universität Basel, geht dann nach Boston, um abwechselnd am Massachusetts General Hospital und am Boston City Hospital der Universität Harvard zu wirken. Er bildet sich in Bern, Lausanne und in den USA (in Ann Harbor) weiter, wo er wichtige Studien über das Schlafwandeln und den Schlaganfall durchführt. Wenn er nicht arbeitet, pflegt er seine Liebe für Musik, Reisen und die Familie (seine Ehefrau und die drei Kinder) und hört nicht auf, nachzudenken. Genau das, worum ihn Ticino Scienza gebeten hat.

Beginnen wir mit dem Kongress: Wie viele Anmeldungen haben Sie erhalten und welche Besonderheiten hat diese Ausgabe im Vergleich zu den herkömmlichen?

«Die EAN – so Bassetti – hat beschlossen, den Kongress nicht auf nächstes Jahr zu verlegen (das war eine Möglichkeit), sondern stattdessen die ungewöhnliche Situation zu nutzen, die Bühne möglichst gross zu gestalten und allen einen kostenlosen Zugang zu liefern. Als Resultat haben wir im Vergleich zu den 7-8.000 Personen, die an den vorherigen Kongressen teilnehmen konnten, dieses Jahr über 25.000 Anmeldungen, 65% davon aus nicht europäischen Ländern, und 30% Studenten oder junge Leute in der Fachausbildung, was uns überrascht hat und besonders erfreut. Normalerweise können die jungen Leute an den grossen internationalen Kongressen aus Mangel an Zeit und Mitteln nicht teilnehmen, diesmal aber schon. Und um zu zeigen, dass diese Teilnehme der EAN besonders am Herzen liegt, gibt es erstmalig hoch interessante, spezielle Bildungssitzungen mit entsprechendem Unterricht und viele weitere Initiativen. Was all die anderen anbelangt, so stellen wir fest, was gerade überall vor sich geht, also eine Veränderung in diesem Bereich der Arbeit, die sehr interessante und positive Aspekte mit sich bringen kann und die wahrscheinlich auch die künftigen Konferenzen beeinflussen wird.»

Das Foto vergrössern Das Foto vergrössern Claudio Bassetti, Direktor der Klinik für Neurologie der Universität Bern Das Foto vergrössern

Können Sie das näher erklären?

«Ohne die Bedeutung der Kongresse schmälern zu wollen, die man persönlich besucht und die eine einzigartige Gelegenheit darstellen, Kollegen zu treffen, Freundschaften zu schliessen und Kooperationen einzugehen, so sind die virtuellen Konferenzen zweifelsohne demokratischer, da sie jedermann Zugang bieten, auch Teilnehmern aus weit entfernten Ländern, die sich die Reisekosten und Anmeldegebühren nicht leisten können, oder Leuten mit Behinderung, persönlichen Einschränkungen, usw. Ausserdem ermöglichen sie die Besprechung in Echtzeit aktualisierter Daten, während man bei herkömmlichen Kongressen stets auf dem Stand der Arbeit bei Beendigung der Vorbereitungen, also in der Regel mehrere Wochen vor Kongressbeginn, bleibt. Ein Thema, über das viel diskutiert wird und dem sich auch renommierte Zeitschriften wie Nature und Science gewidmet haben, wobei eine häufige Frage lautet, was von diesem Modus bleiben wird, wo die Vor- und Nachteile liegen. Zum ersteren ist anzumerken, dass wir alle dazu aufgerufen sind, unseren Beitrag zur Reduzierung der Umweltverschmutzung zu leisten, wobei das Reisen sicherlich zu den Aktivitäten mit der schlechtesten Umweltbilanz zählt: Wir haben es wohl alle im Übermass betrieben und müssen jetzt lernen, zumindest auf einen Teil der nicht unverzichtbaren Reisen zu verzichten. Vergessen wir nicht, dass manche grossen Kongresse wirklich exzessive Ausmasse angenommen hatten, mit Zehntausenden Personen, die schliesslich nicht überall dabei sein konnten, aber dennoch kreuz und quer über den Planeten reisten. Es ist wohl der Moment gekommen, diesen Aspekt der Arbeit zu überdenken und neuen Formen zu finden, die den Live-Kontakt nicht ausschliessen, die aber zugleich alle Möglichkeiten ausschöpfen, die uns die Technologie heute bietet.»

Was die wissenschaftlicheren Aspekte anbelangt, was wird bei den Vorträgen über Covid-19, die wohl einen beachtlichen Raum einnehmen werden, herauskommen (ein Thema, das uns alle beschäftigt)?

«Ich halte den Kongress für besonders wichtig, da wir wegen der Krise in den letzten Wochen auch in namhaften Veröffentlichungen Daten gelesen haben, die in puncto Qualität nicht den Erwartungen entsprachen. Manchmal handelte es sich um Fallzahlen weniger Patienten, aus denen dann voreilige Schlüsse gezogen wurden. Der Kongress wird also der Ort sein, an dem man auf den Punkt bringt, was wir bis heute tatsächlich wissen. Es ist allgemein bekannt, dass das Virus (in 20-30% der Fälle) mit zahlreichen neurologischen Erscheinungen einhergeht, von Kopfschmerzen über Polyneuritis, Erschöpfung, Schlafstörungen und Schwindel bis hin zum Verlust des Geruchs- und Geschmacksinns, Muskelschmerzen und Schlaganfall. Wir können noch nicht sagen, ob es sich um eine besondere Neigung des Virus für das Nervensystem handelt oder ob sie alle eine indirekte Folge der Entzündung und der anderen Organen zugefügten Schäden sind, aber wir haben allmählich konsistente Fallzahlen, aus denen es leichter sein wird, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ein erster Schritt in diese Richtung war eine Online-Umfrage, zu der in kurzer Zeit über 5.000 Rückmeldungen sowie die Antworten ebenso vieler Neurologen aus aller Welt kamen und deren Daten wir vorstellen werden. Ende April wurde eine systematische Studie begonnen, an der sich bereits über 150 Zentren aus 50 Ländern beteiligen mit dem Ziel, alle Hinweise auf die neurologischen Effekte des Virus zusammenzutragen. Das wird uns in den kommenden Monaten helfen zu verstehen, welches Erbe Covid-19 zurücklassen wird.»

Abgesehen von Covid-19, welche sind Ihrer Meinung nach die grössten Notstände der modernen Neurologie?

«Es gibt einen allgemeinen Aspekt, an dem mir besonders gelegen ist: Ein beachtlicher Teil der Gemeinschaft der Neurologen denkt, dass es an der Zeit ist, umzudenken. Jahrelang haben wir nicht zuletzt im Zuge des Finanzierungsmodus, der stets auf spezifische Projekte ausgerichtet war, eine Superspezialisierung vorangetrieben, die zur Ausbildung von Personen geführt hat, die auf immer engerem Fachgebiet eine besondere Expertise besitzen. Das ist auch zweifelsohne wichtig und hat grossen Fortschritt in einzelnen Therapien ermöglicht, aber die neurologischen Krankheiten zeichnen sich sehr oft durch verschwommene Merkmale aus, die sich mit der Zeit verändern und ineinander übergehen. So hat ein Parkinson-Patient beispielsweise nicht nur motorische Symptome, da es sich um eine neurodegenerative Krankheit handelt und folglich auch viele andere Bereiche miteinbezieht, von der kognitiven Sphäre über den Schlaf und die Deglutition bis hin zur neurovegetativen Sphäre. Es ist wichtig, zu einem holistischeren Ansatz zurückzukehren, der den Kranken in seiner Gesamtheit betrachtet und behandelt, ohne den Beitrag der Spezialisierung schmälern zu wollen. Diesbezüglich tut sich die Frage auf, wie die Ausbildung der jungen Leute aussehen soll, welchen Raum und welche Zuständigkeit man den allgemeineren Neurologen in den Einrichtungen geben soll, um die perfekte Balance mit der wachsenden und notwendigen Superspezialisierung zu garantieren. Weitere Priorität hat für mich als Präsident der EAN und künftiger Dekan in Bern die Förderung der Karriere „klinischer Wissenschaftler“, die interdisziplinäre, fach- und berufsübergreifende Forschung, die Förderung der Jungen und der Gleichstellung sowie die Unterstützung der Patienten.»

Und was hingegen Ihre speziellen Projekte anbelangt?

«Seit Jahren befasse ich mit dem Schlaf, seinen Zusammenhängen mit dem Schlaganfall und mit besonderen Krankheiten, den Parasomnien wie z.B. der Narkolepsie. In den vergangenen Jahren haben wir mit meinem Team einen wichtigen, in Nature veröffentlichten Beitrag zur autoimmunen Herkunft der Narkolepsie geleistet, die lange Zeit ein Mysterium geblieben ist. In dieser Richtung können wir jetzt weitermachen. Insbesondere haben wir bei narkoleptischen Patienten erstmalig die Existenz von T- Lymphozyten (Zellen des Immunsystems) beschrieben, die das Orexin (den Neurotransmitter, der bei der Krankheit fehlt) erkennen und die Neuronen, die es produzieren, direkt oder indirekt abtöten können. Mithilfe des Schweizerischen Nationalfonds haben wir eine grosse multizentrische Studie begonnen, von der wir uns die Identifizierung der frühzeitigen Marker der Narkolepsie und der damit verbundenen Krankheiten erhoffen, um die heute immer noch sehr langen Diagnosezeiten endlich verkürzen und die Diagnose präziser und personalisierter als heute erstellen zu können. Ausserdem setze ich meine Studien über den Zusammenhang zwischen Schlaf und Schlaganfall fort, wo es noch viel zu klären gibt. Es wurde beispielsweise nachgewiesen, dass Atempausen während des Schlafes das Schlaganfallrisiko verdoppeln und dass sich die Schlafstörungen negativ auf die post-akute Phase bei der funktionalen Wiederherstellung nach einem Schlaganfall auswirken: Diese Schritte muss man genau verstehen.»

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